Sevadham Schulprojekt- 2014

    438 Schulkinder und 22 Lehrer leben in der Ganztagsschule ohne funktionierende Toiletten, ohne Seife und ohne warmes Wasser. Hinzukommt, dass jeweils 40 Schulkinder in Klassenräumen und Schlafsälen mit einer Fläche von gerade einmal 20 m² schlafen müssen. 2012 waren wir das erste Mal vor Ort und beobachten seither die Lage. Jetzt waren wir wieder dort und  haben insgesamt zehn Projekttage mit einer Übernachtung an der Schule verbracht, um die aktuelle Situation zu verstehen, zu hinterfragen und um angepasste Lösungen finden zu können.

    Aus dem ursprünglichen Plan, der ausschließlich den Bau von Schultoiletten vorsah, wird ein weit größeres Projekt mit fünf umfangreichen Projektzielen:

    1. Der Bau einer Ecosan-Schultoilette für die gesamte Schule
    2. Der Bau von ausreichenden Handwaschmöglichkeiten und Integration einer nachhaltigen Seifenproduktion
    3. Die Förderung einer lokalen Firma, die speziell Sanitary Napkins herstellt von Frauen für Frauen
    4. Der Bau einer Unterkunft für 400 Schulkinder
    5. Die Umgestaltung und Modernisierung der jetzigen Schlafräume

    Diese Vorhaben sind dringend notwendig und schnellstmöglich durchzuführen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Non-Water Saniation e.V. und Sevadham Trust ermöglichte eine konkrete finale Planung für die Ecosan-Schultoilette und nun auch eine fast finale Planung für die Unterkünfte. Die Entwürfe und Planung wurden von Non-Water-Sanitation unter der Leitung von Roman Baudisch und mir durchgeführt. Bei diesem Prozess war es uns wichtig, auch die Mitglieder der Schule einzubeziehen wie die Schuldirektorin, Lehrer und Schüler, sowie den indischen Architekten Mr. Sane und Sevadham Trust. Ihre Ideen und ihre produktive Kritik sind sofort eingeflossen.

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    Präsentation der Entwürfe vor dem Schuldirektor

     Nun  gibt es das ehrgeizige Ziel, bereits im September 2014 mit dem Bau zu beginnen. Doch es gibt auch noch offene Fragen!

    Wie teuer wird nun der Bau und gelingt die Umsetzung unserer finalen Pläne in einer isolierten Region in Indien? Welche lokale Baufirma soll beauftragt werden? Welche Baumaterialien nutzen wir und woher beziehen wir diese? Welche Transportfirma liefert uns pünktlich die notwendigen Materialien, wie viel kostet der Transport und woher beziehen wir Baufahrzeuge?

    Die heiße Phase beginnt…. Wir waren zunächst über die durchschnittlichen Baukosten in Pune überrascht. Dort kostet ein Quadratmeter Baufläche knapp 30.000 Rupien (450 €). Nach Angaben von Mr.Sane haben sich aufgrund des Baubooms in Indien die Preise für Baumaterialien in den letzten 10 Jahren verdoppelt und Pune ist eine attraktive Wirtschaftsmetropole.

    Somit erkundeten wir lokalen Baustellen in Schulnähe und fragten nach den lokalen Preisen für Baumaterialien. Demnach kosten Ziegelsteine 7 Rupien das Stück, ein 50m² Haus knapp 4.000-5.000 €, was einem Preis für das Projekt von ca 100.000 € entspricht. Das ist jedoch für unser Budget zu viel.

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    Lokale Baustelle auf dem Weg zur Schule

     Eine Möglichkeit Personalkosten zu sparen, wäre die Kinder und Eltern in das Projekt mit einzubinden. Beispielsweise könnten die Kinder in Absprache mit der Schuldirektorin  pro Tag ca. eine Unterrichtsstunde am Projekt mitwirken. Somit können vor allem einfache und gestalterische Aufgaben von den Schulkindern übernommen werden, dies fördert nicht nur die Kreativität, sondern auch einen gewissen Stolz mitgewirkt zu haben und am Ende ein Teil des Projektes zu sein. Wir versuchen weiter die Kosten zu senken, schauen uns lokale Materialien und ihre Verwendung an und sind begeistert: überall sind massive Basaltgesteine, Schluff, Sand, Kies und lokale Ziegelmanufakturen zu finden.

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    Aufräumarbeiten an der Bauruine zusammen mit hoch motivierten Schulkindern- es ging fix

    Doch die größte Kostenfrage betrifft die tatsächlich notwendige Raumfläche der Unterkünfte.

    Sind die Unterkünfte tatsächlich realistisch geplant oder doch deutlich überdimensioniert?

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    Diskussion über die zukünftigen Unterkünfte mit den Klassensprechern der Schule

    Wir kalkulierten anfangs mit 6-7 Kinder auf 16 m² Raumfläche, à 10 Häuser mit 6 Zimmern, d.h. 40 Kinder pro Haus mit 96 m² Grundfläche. Doch als wir vor Ort übernachtet und mit den Lehrern und Schülern gesprochen hatten, wurde uns klar, dass der Plan noch mehrfach angepasst werden musste. Die Kinder übernachten zu vierzigst auf 20 m², bildeten Schlafgruppen und teilten sich Decken. Neben der Beobachtung war es sehr wichtig, die Klassensprecher jeder Klassenstufe in einem Gruppeninterview zur ihrer aktuellen Schlafsituation zu befragen. Vor allem die älteren Schulkinder zwischen 14 und 17 Jahren benötigen deutlich mehr Platz und mehr Privatsphäre, während die jüngeren Kinder das gemeinsame Schlafen in größeren Schlafsälen bevorzugen. Vielmehr beklagten sie sich über die fehlenden Sanitäranlagen, die Kälte, die Nässe in der Monsunzeit und den zu harten Boden als über die Enge in den Räumen.

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    Schlafraum für 40 Jungen an der Schule

    Des Weiteren konnte beobachtet werden, dass die Kinder nicht alle zur selben Zeit schliefen. Während einige sich noch lautstark unterhielten, haben andere schon versucht zu schalfen. Das Licht brennt ständig in den Schlafräumen, da die Kinder sich sonst gegenseitig anrempeln würden, wenn sie auf Toilette (OD) müssen. Wir mussten leider auch erleben wie im Kollektiv zu fünft oder zehnt zu den OD-Flächen gegangen wurde, um eine gewisse Sicherheit zu garantieren.

    Der nächste wichtige Gedanke war, Spielraum, Lernräume und Schlafräume strikt zu trennen. Die anfangs in den Plänen zur neuen Unterkunft enthaltenen Spielräume und Leseecken entfallen somit und werden stattdessen in die bisherigen Schlafräume der Schule integriert, die ja dann ihre Funktion verlieren werden. Somit kann nachmittags und abends in der Schule gespielt und gelernt werden, oder  man sitzt gemütlich zusammen, wohingegen die Unterkunft separiert vom Schulbetrieb eine reine Ruhezone darstellt.

    Doch zurück zu der Frage nach der angemessenen Raumgröße. Dazu überlegten wir uns ein Spiel, indem alle Kinder ihre normalen Schlafgewohnheiten darstellen sollten. Dann halbierten wir schlicht die Anzahl der Kinder auf 20 Kinder pro 24 m². Die Verdopplung der Fläche macht sich extrem bemerkbar. Wir revidierten unsere Idee, Doppelbetten für alle Kinder aufzustellen, sondern entschieden uns für Schlafliegen mit angenehmen Matten und eigenen Schubfächern für jedes Kind unter dieser Liege. Die Kinder sind außerdem im Schnitt nur zwischen 1,15m (6 Jahre) -1,60m (17 Jahre) groß. Bisher schlafen die Kleinkinder zu dritt auf einem Meter Breite. Somit sind für immer jeweils 10 der kleineren Schulkinder Liegen mit 6m mal 1,70m geplant. Die Gesamtfläche wird damit auf 540m² halbiert. Dabei sind noch für je 40 Mädchen und Jungen Bungalows mit 6 Kindern pro Zimmer eingeplant.

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    Die kleineren Schulkinder teilen sich bisher die Decken

    Der letzte Schritt war die bereits vorhandene Bausubstanz zu vermessen, zu inspizieren und in die Generalplanung mit einzubeziehen. Es fiel sofort die Bauruine gleich gegenüber der Schule auf und wir entschieden uns einstimmig, diese Bauruine als Testprojekt für die weiteren Unterkünfte zu nutzen. Unsere Erfahrung in Darewadi hat uns gelehrt, dass es Sinn macht in kleinen Schritten zu planen. So kann man bei auftretenden Problemen die Notbremse ziehen und beispielsweise vermeiden, dass es zu größeren Fehlinvestitionen kommt, weil nicht richtig mit dem zur Verfügung stehenden Budget umgegangen wird. So befinden sich allein auf dem Schulgelände vier nicht fertig gestellte Bauruinen (zwei Latrinenhäuser, ein Fundament für ein früheres Hostel und die schon angesprochene Bauruine, gedacht als Unterkunft für den Hausmeister und mögliche Besucher). Das machte uns skeptisch. Wie können wir vermeiden, dass unser Projekt auch als Bauruine scheitert.

    Wir entschieden uns für vier wesentliche Schritte.

    1. Zwei Urinale und Testflächen

    (Schulgarten und neue Gartenfläche) für Demonstrations- und Trainingszwecke mit der Schule und Farmer

    Zunächst räumten wir bereits vor drei Wochen zusammen mit den Schulkindern die Bauruine auf, um sie als Testversuch für zwei Urinale zu nutzen. Denn insbesondere das Toilettenprojekt gelingt nur, wenn die Akzeptanz der Urinwiederverwendung durch die umliegenden Farmer erreicht wird. Dies soll vor allem durch eine Testfläche und durch ein mehrwöchiges Training über die Urinnutzung mit den Farmern und intensive Gruppen- und Einzelinterviews sichergestellt werden. Die Ecosan Services Foundation begleitet diesen Prozess und wird vor allem die Trainings- und Sensibilisierungsmaßnahmen für das Ecosan-Projekt übernehmen und Sevadham Trust und uns jederzeit beistehen.

    2. Bau des ersten Hauses mit zwei UDDT’s

    Die Bauruine kann als Testversuch angesehen werden und zugleich die Möglichkeit bieten, innerhalb einer sehr begrenzten Projektsumme, die Baufirmen sowie die Bauphasen zu testen, die Entwicklung zu dokumentieren und vor allem aktiv einzugreifen. Denn der Bau wird von mehreren Architekturstudenten und Dozenten aus Deutschland, sowie Mitgliedern von Guts For Change begleitet und gefilmt. Die zwei UDDTs sollen schon vor dem eigentlichen Schultoilettenprojekt die Akzeptanz erhöhen, Skepsis beseitigen und Musterbeispiele für die Familien der Schulkinder sein, ebenfalls welche nachzubauen. Wir können schließlich nicht alle Beteiligten ins 100km entfernte Darewadi bringen, um Ihnen die Funktionsweise der UDDTs praxisnah zu veranschaulichen. Das Haus wird in den nächsten Jahren unterschiedliche Funktionen übernehmen. Zunächst dient es als Unterkunft für die Bauarbeiter und für uns, später als Haus mit privatem Toilettenzugang für den Hausmeister und ein bis zwei weiteren Lehrern. Schließlich wird es das Aufpasserhäuschen für die restlichen Unterkünfte der Schulkinder. Dieser Prozessabschnitt ist immens wichtig und gibt uns Aufschluss über die Projektdauer und den Baualltag in Indien. Es ist durchaus möglich, dass diese Planung in zwei Wochen abgeschlossen ist oder fast ein Jahr dauern kann. Der Bau des 50m² Hauses und die beiden UDDT’s kosten in etwa 5.000 € und kann mit bereits gesammelten Spenden umgesetzt werden.

    3. Bau der Schultoilette

    Wenn alles nach Plan verläuft, kann bereits im Oktober-November 2014 mit den Ecosan-Toiletten begonnen werden. Die insgesamt 16 UDDTs, 6 Stehurinale, Handwaschmöglichkeiten, Urintanks, Regenwasserrinnen, Regenwasserauffangbecken und  Kompostflächen kosten nach aktuellem Stand weitere 12.000 €.  Die Bauphase wird wieder von der ESF und NWS begleitet und kontrolliert. Die Schulkinder werden bereits seit März 2013 über die Funktionsweise der Schultoiletten aufgeklärt und dieses Training wird fortlaufend  in den Unterricht integriert, sodass die Traingsmaßnahmen deutlich schneller und effektiver umgesetzt werden können als in Darewadi, wo jeder Haushalt einzeln überzeugt werden musste. Der Bauprozess sollte nicht länger als 2 Monate andauern.

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    Schulgebäude im Vordergrund, links die neu geplante Unterkunft und im Hintergrund die geplanten Schultoiletten

    4. Bau der Unterkunft

    Nach der schrittweisen Ausweitung der Projektphase wird nun die Unterkunft fertig gestellt. Dies wird aber aus der Sicht von allen Beteiligten nicht vor 2015 gelingen. Für die Unterkunft werden mindestens 40.000 – 60.000 € benötigt. Doch wir haben mehr als ein Jahr Zeit weitere Spenden zu sammeln, Sponsoren aus Indien und Europa zu finden und von unseren Architekturentwürfen zu überzeugen. Die bereits fertig gestellten Projekte sollen dann vor allem lokale Unterstützer und indische Investoren begeistern, unser Projekt monetär zu unterstützen. Auch das Thema Crowdfunding rückt wieder in den Vordergrund, womit wir eine emotionale Bindung zwischen den Projektunterstützern und den Schulkindern an der Adivasi Ashramshala Residential School aufbauen möchten. Des Weiteren erhoffen wir uns durch Crossfinanzierungsmaßnahmen mithilfe von Change Travels, Change Films, Kleingartenkampagne und EcoToi weitere Gelder für die Schule bereitstellen zu können.

     

     

     

     

     

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