Wie Guts for Change gestartet wurde

    Wie startet man ein soziales Projekt? Diese Frage wird mir seit dem Start von Guts for Change und unserer Vermietung von mobilen Toiletten mit Ecotoi regelmäßig gestellt.

    Im ersten Artikel der kurzen Serie „Wie man sein eigenes soziales Projekt startet“ bin ich die generellen Schritte durchgegangen, die ich heute gehen würde, wenn ich ein weiteres soziales Projekt starten wollte.

    In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, wie wir bei Guts for Change vorgegangen sind, was gut funktioniert hat, welche Fehler wir gemacht haben und was Du für Dein Projekt daraus lernen kannst.

    Die Idee

    Als erstes stand die Idee, dass es eine Fahrradtour von Berlin nach Indien geben würde. Als ich allein an meinem Küchentisch saß und voller Energie und Freude über die Idee war, da hatte ich noch keine Ahnung

    • mit wem ich die Fahrt machen sollte
    • wie lange die Tour dauern würde
    • wofür man die Spenden sammeln sollte
    • was mein Geschäftspartner dazu sagen würde, wenn ich monatelang auf dem Fahrrad rumcruisen würde
    • etc. etc. etc.

    Ich wusste nur, dass ich es machen wollte. Und eigentlich war es weniger eine Kopf-Entscheidung, sondern ein Bauchgefühl, das mich so mit Enthusiasmus füllte, dass ich dachte das muss einfach richtig sein.

    Die Vision festhalten

    Einer der wichtigsten Punkte für mich war, die Idee möglichst schnell festzuhalten und ihr einen Namen zu geben.

    Hätte ich sie nicht festgehalten und Freuden, Verwandten und Bekannten davon erzählt, wäre es zu einfach gewesen die Idee wieder fallen zu lassen.

    Denn die Gefahr besteht, dass nach dem ersten Enthusiasmus der ‚Realitätscheck‘ kommt. Dann kommen gute Freunde und natürlich Deine Familie und sagen Dir nett gemeinte aber kontraproduktive Dinge wie

    • das ist verrückt (nett für „Du bist verrückt“)
    • das ist zu gefährlich
    • Du solltest das mindestens ein oder zwei Jahre lang vorbereiten
    • usw.

    Und wenn Du das lange genug hörst und Dich nicht zumindest schon ein bisschen öffentlich festgelegt hast, dass Du es auf jeden Fall machen wirst, dann fängst Du Dir vielleicht auch selbst an Dinge zu erzählen wie:

    • Hmm, vielleicht haben die anderen ja Recht und das Ganze ist etwas verrückt
    • Soll ich wirklich alles aufgeben, um das zu machen?
    • Eigentlich habe ich überhaupt keine Ahnung, was ich da gerade tue
    • usw.

    Natürlich wären alle diese Einwände die Stimme im Kopf, die so viele Menschen davon abhält ihren Träumen zu folgen. Es kann immer rationalisiert werden, seinen Träumen nicht zu folgen.

    Weil ich das wusste, musste ich mich schnell öffentlich zu dem Projekt bekennen. Denn wenn ich erst mal sage, dass ich etwas mache und es meine Freunde, Familie und Bekannten wissen, dann schalte ich auf stur und mache es auch. Und mir bleibt der Spaß an der Idee erhalten, weil ich mich nicht so oft mit Selbstzweifeln auseinandersetzen muss. Denn dann gibt es nur noch einen Weg – und der ist vorwärts.

    Wie habe ich die Vision für die Fahrradtour und das soziale Projekt festgehalten? Mit einer einfachen Facebook-Fanseite. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass wir mit der Tour Geld für Toiletten sammeln würden. Daher schrieb ich einfach, dass die Gelder einem sozialen Projekt zugutekommen würden.

    Einen Plan machen

    Nach der ersten Euphorie musste ein konkreter Plan her.

    • Wo finde ich ein Team?
    • Für welches soziale Projekt würden wir Gelder sammeln?
    • Wer kann einen coolen Film zu der Guts for Change Tour produzieren?
    • Wo lerne ich, wie ich einen Fahrradschlauch wechsele und … ach ja … woher bekomme ich ein Fahrrad?
    • Wie sieht es mit den Visa aus?
    • Woher sollen die Spendengelder kommen?
    • Welche Kontakte habe ich zu Medien, die über die Tour und das Projekt berichten könnten?
    • usw.

    Es gab sicherlich dutzende Unterpunkte, die es zu klären galt. Aber meine Hauptfragen waren zuerst einmal, wo ich ein Team finde und an welches Projekt die Spenden fließen sollten.

    Das mit dem Team war einfacher als gedacht. Johann brauchte ich nur spontan fragen, als er auf einen Tee bei mir zu Besuch war. Und glücklicherweise kannte sich Johann auch mit Kamera und Film aus. Dass es so ‘einfach’ sein würde, hätte ich kaum geglaubt.

    Als dann Maushami zusagte, nachdem ich sie mehr oder weniger aus Jux gefragt hatte, ob sie mitfahren wollte und sie auch direkt ja sagte, wurde mir klar, dass ich von jetzt an nicht mehr jeden fragen sollte, ob er mitkommen wolle – sonst wären wir vermutlich ohne Probleme ein Team von 100 Personen geworden.

    Erik stieß dann etwas später zur Truppe aber auch diese Entscheidung fiel ihm wohl relativ leicht. Er hatte Lust mitzufahren und schon waren wir zu viert. Wir entschieden dann für uns, dass 4-Personen eine gute Gruppengröße wäre und wir vielleicht vorerst dabei bleiben sollten. Zwar waren ein paar Freunde auch daran interessiert mitzufahren, aber ich hatte etwas Sorge, dass die Komplexität der Organisation zu groß werden würde, wenn kurz vor Abfahrt noch weitere Personen ins Team kämen.

    Der zweite Punkt, ein cooles Projekt auszuwählen, für das wir mit der Tour Spenden sammeln könnten, dauerte etwas länger.

    Mein erster Impuls war es Spenden für das Bauen einer Schule zu sammeln. Das Buch ‚3 Cups of Tea‘ von Greg Mortenson hatte mich damals sehr inspiriert und ich dachte, dass Geld für eine Schule in Pakistan zu sammeln, wäre eine gute Idee. Aber einerseits erhielt ich auf die Mails an seine Organisation keine Antwort und des Weiteren machte es doch nicht wirklich Sinn, nach Indien zu fahren und für eine Schule in Pakistan Geld zu sammeln.

    Die nächste Idee war dann Geld für Toiletten zu sammeln. Auf meiner Indienreise kurz zuvor hatte ich gesehen, dass viele Menschen keine Toiletten hatten. Als wir morgens mit dem Zug durch Mumbai fuhren, konnte man Scharen von jungen Männern beobachten, die ihre Notdurft an den Gleisen verrichteten. Mir fiel außerdem ein, dass Sven, den ich bereits vom Basketball spielen kannte, sich schon mehrere Jahre mit dem Thema ‚nachhaltige Sanitärversorgung‘ beschäftigte. Also schrieb ich ihm eine Mail und wir besprachen die Idee. Er war begeistert.

    Relativ schnell wurde Sven und mir klar, dass wir Schwierigkeiten haben würden, innerhalb weniger Wochen oder Monate ein Projekt in Indien an den Start zu bekommen ohne die entsprechenden Kontakte. Also kontaktierte ich die German Toilet Organization (GTO). Die war sehr von unserem Plan angetan und wir überlegten uns, ob und wie wir eine Partnerschaft eingehen könnten. Ein weiterer Vorteil war, dass die GTO bereits eine Organisation in Indien kannte, die Experten auf dem Gebiet nachhaltige Sanitärversorgung und Trockentrenntoiletten waren – die Ecosan Services Foundation.

    In gemeinsamen Skype Calls besprachen wir nun, wie die Zusammenarbeit aussehen würde. Guts for Change und Non-Water Sanitation e.V. würden sich vor allem um die Aufmerksamkeit und die Spendenakquisition kümmern. Die German Toilet Organization als gemeinnütziger Verein verwaltete die Spendengelder und leitete sie an die Ecosan Services Foundation in Pune weiter, die wiederum Rechenschaft gegenüber der GTO und Guts for Change ablegte.

    Teamsuche und Kommunikation

    Wie sucht man ein Team für so eine Aktion?

    Vermutlich in der Regel nicht so, wie ich vorgegangen bin. Einige Schritte waren absolut logisch und folgerichtig. Sven anzusprechen, der sich bereits viel mit Toiletten beschäftigt hatte oder die German Toilet Organization um Unterstützung zu ersuchen, waren durchaus logische Schritte. Johann, mit dem ich bereits längere Zeit im Ausland verbracht hatte und der sich gut mit Film, Schnitt und Ton auskannte definitiv auch. Maushami zu fragen war ein weniger logischer Schritt, wie ich oben schon beschrieben habe.

    Kommunikation vor der Tour und Planung im Team

    Eine der Hauptschwierigkeiten in der Kommunikation mit dem Team in der Planungsphase bestand darin, dass wir alle an verschiedenen Orten waren. Maushami war erst auf einer Reise durch Südostasien und danach in Südafrika, Johann schrieb seine Bachelorarbeit in Paris und ich saß in Berlin. Später stieß dann noch Erik hinzu. Die Tatsache, dass wir nur über Skype kommunizieren konnten, zum Teil Skypetermine verpasst wurden und Meilensteine nicht erreicht wurden, ließ mich zumindest vor der Tour am Commitment des Teams zweifeln. Und tatsächlich bestand in der Planungsphase auch noch eine gewisse Unsicherheit darüber, ob Johann und Maushami tatsächlich würden mitkommen können. Ich vermute, dass das Projekt sich einfach noch nicht real genug anfühlte, um sich 100%ig zu verpflichten. Das einzige, dessen ich mir sicher war, ist, dass ich fahren würde. Komme was wolle. Zu diesem Zeitpunkt gab es in meiner Wahrnehmung für mich kein Zurück mehr. Ich hatte mir meine Rückzugsmöglichkeit in meinen Kopf schon abgeschnitten, als ich anfing erste Interviews zu der Tour zu geben, wie zum Beispiel dieses hier bei Run, Travel, Grow und auf Facebook allen meinen Freunden und Bekannten zu sagen, was ich vorhatte. Außerdem stand zu dem Zeitpunkt auch schon das Sponsoring für die Fahrräder und die Kooperation mit der German Toilet Organization. Ein Umdrehen war, zumindest in meinem Kopf, völlig ausgeschlossen und keine wahrnehmbare Option.

    Letztendlich brachte Erik, der erst später zum Team stieß, eine sehr positive Dynamik in die Gruppe, indem er anfing regelmäßiger auf unseren Social Media Kanälen zu posten und seine Ideen für die Tour mit einzubringen. Und letztendlich wurde das Engagement des Teams dann auch größer, je näher das Abreisedatum rückte.

    Kommunikation während der Tour und Teamdynamik

    Ein sehr interessanter und wahrscheinlich der lehrreichste Aspekt der ganzen Fahrradtour war für mich die Teamdynamik.

    Wenn man 24/7 miteinander verbringt, ohne die gewohnte Privatsphäre, dann kann man seine Macken und Laster nicht mehr verbergen. Wenn ein Morgenmuffel im Team ist, dann bekommen es die Teammitglieder spätestens in Woche 2 zu spüren. Wenn jemand verbal aggressiv wird, wenn man unterzuckert ist und zu lange nichts mehr gegessen hat, kommt auch das schnell ans Tageslicht.

    Letztendlich ist man gezwungen möglichst positiv und tolerant mit den Macken der anderen umzugehen und muss darauf hoffen, dass das Team die eigenen Macken auch gütlich verzeiht.

    Ein Werkzeug, das uns als Team bei der Bewältigung von internen Spannungen geholfen hat, waren spirituelle Hörbücher. Ich habe unter anderem das Buch „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ oder „Eine neue Erde“ als Hörbuch gehört. Als ich die Hörbücher durchgehört habe, habe ich sie auch den anderen zum hören gegeben. Interessanterweise haben die positiven Botschaften meiner Wahrnehmung nach tatsächlich dazu geführt, dass wir einander gegenüber toleranter geworden sind. Die Hörbücher hatten die Funktion einer Gruppentherapie.

    Letztendlich haben wir die Fahrt nach Indien als Team durchgezogen. Genau weil das Team so verrückt zusammen gekommen ist? Oder trotzdem das Team so verrückt zusammen gekommen ist? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau. Aber ich vermute schwierige Situationen im Team wird es auf einer so langen Reise immer geben. Gut ist, dass wir diese im Team letztendlich gut gemeistert haben und an der Erfahrung  wachsen durften.

    Ich hoffe, dass dieser Post die meisten Fragen dazu, wie Guts for Change gestartet wurde, beantwortet und vielleicht auch als Hilfestellung dazu dienen kann, Dein eigenes Projekt an den Start zu bringen. Falls Dinge offen geblieben sind, schreibe gerne ein Kommentar und wenn Dir der Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein ‚Like‘.

    Thomas

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